Tagungskonzept

Wer von ‚Religion‘ redet, setzt voraus, dass es etwas geben muss, das nicht religiös ist. Insofern ist ‚Religion‘ relational. Ob als begriffliches Konzept oder als sozialstrukturelle Einheit: Religion befindet sich stets im Verhältnis zu etwas, das außerhalb ihrer selbst steht. Die differenzierungstheoretischen, begriffsgeschichtlichen und postkolonialen Diskussionen der letzten Jahrzehnte haben jedoch gezeigt, dass Religion nicht einfach als etwas gleichsam natürlich Gegebenes etwas Nicht-Religiösem gegenübersteht. Vielmehr folgt die Ausdifferenzierung und Relationierung dessen, was wir in der globalen Moderne als ‚religiös‘ definieren, nachvollziehbaren sozialen Wandlungsprozessen und dem Handeln identifizierbarer Akteure. Letztere verfolgen bestimmte (politische, wissenschaftliche, wirtschaftliche usw.) Interessen und Strategien, sind zugleich aber in ihrer Deutungsmacht und Handlungsfreiheit durch vorgegebene epistemische und soziale Strukturen eingeschränkt. Das heißt, dass die Ausdifferenzierung und Relationierung von ‚Religion‘ bis zu einem bestimmten Grad kulturspezifischen Pfadabhängigkeiten oder besser: Pfadwahrscheinlichkeiten unterliegt, die sich aus der historischen Formierung epistemischer und sozialer Strukturen ergeben.

Die jüngere Forschung hat zudem gezeigt, dass die Annahme, Religion sei eine anthropologische Konstante, eine uranfänglich gegebene Universalie der menschlichen Kultur oder sogar Natur ebenso wenig plausibel ist, wie die Auffassung, Religion sei ausschließlich ein historisch kontingentes, der restlichen Welt im Zuge von Kolonialismus und Imperialismus oktroyiertes Konzept und Herrschaftsmittel der westlichen Moderne. Denn auch in außereuropäischen Gesellschaften haben sich bereits in vormodernen Zeiten soziale Handlungsfelder ausdifferenziert; die dadurch erzeugten sozialen Strukturen wurden semantisch verarbeitet und konzeptualisiert. Die kulturspezifische (‚pfadabhängige‘), interessengeleitete, selektive und strategische Aneignung westlicher Konzepte und Ordnungsprinzipien generierte bzw. modifizierte wiederum Strukturen und damit neue Pfadwahrscheinlichkeiten.

So können und müssen neben einer Historisierung des Religionskonzepts lokale Ausdifferenzierungsprozesse und Unterscheidungspraktiken nebst korrespondierenden Relationierungsvorgängen ebenso Gegenstand religionswissenschaftlicher Forschung sein wie die Diffusion und Adaption westlicher Ordnungsprinzipien, Wissensordnungen und Konzepte in außereuropäischen Kontexten. Das Gleiche gilt jedoch auch für sogenannte westliche, moderne Gesellschaften, in denen die fortschreitende funktionale Ausdifferenzierung sowie die Pluralisierung/Partikularisierung kulturell-symbolischer Sinnwelten klassische Dichotomien zwischen religiös und säkular nicht immer eindeutig erscheinen, sondern zunehmend verschwimmen lassen. Der religionswissenschaftliche Gegenstandsbereich wird hier nicht nur erweitert, sondern auch der systematische Zugriff herausgefordert, sich wandelnde Relationierungen (auch in Abgrenzung zu benachbarten disziplinären Fachdiskursen) verschärft in den Blick zu nehmen.

Die Tagungsbeiträge sollen sich also im weitesten Sinne mit der religionswissenschaftlich zentralen und fundamentalen Problematik der Verhältnisbestimmung zwischen Religion(en) und anderen gesellschaftlichen Teilbereichen befassen. Dabei gilt es auch, die eigene Rolle als Fachdisziplin im Verhältnis zu anderen Disziplinen zu reflektieren. Die Bandbreite der Themen reicht von konkreten Grenzziehungsdebatten, Kooperationen, Verflechtungen, Konflikten usw. zwischen religiösen Organisationen, staatlichen Institutionen, Kunst, Wirtschaft usw. bis hin zu grundlegenden Fragen der Ausdifferenzierung von Religion als distinktes Teilsystem oder Handlungsfeld in unterschiedlichen historischen Kontexten, einschließlich kritischer Reflexionen darüber, ab wann man überhaupt Religion als abgrenzbares Teilsegment einer Gesellschaft betrachten kann.

Darüber hinaus umfasst der Gegenstand der Tagung auch den großen Themenbereich der Religionsbegegnung im Sinne interreligiöser Relationierung, die zumindest auf Seiten der beteiligten Akteure die Annahme zumindest partieller funktionaler Äquivalenz unter den aufeinandertreffenden Traditionsgeflechten und damit gewissermaßen die Annahme eines transregionalen religiösen Feldes ‚Religion‘ voraussetzt. Hier kann es konkret um die Verhältnisbestimmung, Abgrenzung, wechselseitige Beobachtung, Kritik, Bekämpfung und Beeinflussung, aber auch Kooperation von Religionen untereinander sowie Konversionen von einer Religion zu einer anderen gehen. In diesem Zusammenhang sind auch theoretische Beiträge hochwillkommen, die etwa einstmals zentrale Erklärungsansätze wie Synkretismus, Assimilation, Synthese, Hybridisierung usw. im Lichte neuer empirischer und theoretischer Erkenntnisse einer kritischen, aber konstruktiven Revision unterziehen: Wie lassen sich Reifizierungen und normative Reinheitspostulate vermeiden, ohne die entsprechenden Dynamiken ganz aus dem Blick zu verlieren?

Da die Herausbildung des Religionsbegriffs als komparatives Konzept und als analytische Kategorie teils Ursache, teils Wirkung der Herausbildung der Religionswissenschaft als eigenständige Disziplin ist, soll auch das Fach selbst Gegenstand einer kritischen Analyse seiner Geschichte, seiner aktuellen Situation und seiner Zukunftsperspektiven sein. Dabei sollte gemäß dem Rahmenthema die Relationierung der Religionswissenschaft gegenüber anderen Disziplinen im Vordergrund stehen. Wie lässt sich etwa die Unabhängigkeit der Religionswissenschaft gegenüber anderen, religionsbezogenen Disziplinen rechtfertigen, wenn sie über keinen eigenen (oder gar keinen?) Gegenstand und über keine eigenen Methoden verfügt? Die Frage nach dem Verhältnis der Religionswissenschaft zu ihrem Gegenstand berührt auch die Frage nach dem religionsproduktiven und dem religionskritischen Potenzial des Faches.

Zusammenfassend ergeben sich daraus vier relationale Felder, die in den Blick genommen werden können:

    1. Religion in Relation zur sozialen Umwelt

    2. Religionen in Relation zu anderen Religionen

    3. Die Religionswissenschaft in Relation zu anderen Disziplinen

    4. Die Religionswissenschaft in Relation zu ihrem Gegenstand

Die hier skizzierten Fragen und Probleme sind allesamt konstitutiv für die Religionswissenschaft. Sie bilden zudem seit 2011 ein interdisziplinäres Schwerpunktthema der Leipziger Religionsforschung. In diesem Forschungskontext ist die seit 2016 existierende DFG-Kolleg-Forschergruppe „Multiple Secularities – Beyond the West – Beyond Modernities“ entstanden. Im Jahr 2021 wird das Projekt in sein fünftes Jahr gegangen sein. Dies scheint uns ein guter Anlass zu sein, die akkumulierte historisch-empirische Expertise sowie die Theorieentwürfe und Operationalisierungsansätze in diesem Bereich synergetisch für die wissenschaftliche Konzeption der Tagung und als potenzielle gemeinsame Perspektive zu nutzen. Darüber hinaus verfügt das Religionswissenschaftliche Institut der Universität Leipzig über eine (zumindest) deutschlandweit einzigartige Stiftungsprofessur für Religionswissenschaft und Religionskritik (Prof. Horst Junginger). Auch diesen besonderen Schwerpunkt, der die kritische Relationierung nicht-religiöser Akteure (einschließlich der Religionswissenschaft) gegenüber der Religion erforscht, wollen wir auf der Tagung besonders zur Geltung bringen.