Gesundheitliche Ungleichheit entsteht oft im Kindesalter und manifestiert sich über den Lebensverlauf. Kinder mit Vulnerabilitätsfaktoren wie Armut, Flüchtling- oder Migrationserfahrung oder Behinderungen sind besonders gefährdet. Daher sind integrierte Präventionsstrategien gefragt, die Angebote aus dem Gesundheits-, Bildungs- und Sozialbereich verknüpfen. Dem Öffentlichen Gesundheitsdienst und freien gemeinnützigen Trägern kommen dabei zentrale Rollen zu.
Das Fachforum beleuchtet am Beispiel von vier Beiträgen Wege zur Identifikation von Vulnerabilitätsfaktoren, Bedarfe von Kindern mit Vulnerabilitätsfaktoren, sowie Ansätze für darauf abgestimmte Interventionsstrategien zur Prävention und Gesundheitsförderung:
• Beitrag I beschreibt ein neues Vorgehen zur systematischen Nutzung zahnmedizinischer Untersuchungen in Schulen und Praxen für das Erkennen von Hinweisen auf dentale Vernachlässigung und damit zusammenhängende Unterstützungsbedarfe von Familien
• Beitrag II beschreibt die aktuelle Versorgungssituation und die sektorenübergreifenden Unterstützungsbedarfe von Kindern und Jugendlichen mit Schulausschlusserfahrung (nach § 54 SchulG) anhand einer Auswertung von Akten des Fachbereichs Gesundheit der Stadt Herne.
• Beitrag III und IV beschreiben integrierte Angebote des AWO Büros KINDER(ar)MUT in Potsdam, die Kindern unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem sozialen Status oder dem Einkommen der Eltern ein gesundes Aufwachsen ermöglichen sollen. Im Beitrag III geht es dabei um eine regelmäßige, kostenfreie kinderärztliche Sprechstunde als niedrigschwellige Unterstützung in einem Stadtteil, in dem eine hohe Zahl an armen Familien mit Kindern leben. Beitrag IV stellt das Projekt Bildungsbegleitung vor, bei dem ehrenamtliche Bildungsbegleiter*innen regelmäßig Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung schulischer Anforderungen unterstützen.
Angelehnt an die Beiträge diskutieren wir gemeinsam mit dem Publikum, wie vorhandene Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung weiterentwickelt werden können, um sektorenübergreifende Bedarfe von Kindern, Jugendlichen und Familien adäquat zu adressieren. Dabei wird auch thematisiert, was es auf politischer Ebene braucht, damit die Umsetzung integrierter Strategien gelingen kann und nachhaltig Chancengleichheit bei Bildung und Teilhabe eintritt.
16:30 Uhr
Prävention an den Schnittstellen von Gesundheit, Bildung und Soziales: Was braucht es, damit kein Kind durchs Netz fällt?
Dr. Angela Bergmann | Gesundheitsamt Düsseldorf | Germany
Dr. Adrienne Alayli | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
Maike Lehner | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
Nguyen Cu Thai | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
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Autor:innen:
Dr. Angela Bergmann | Gesundheitsamt Düsseldorf | Germany
Dr. Adrienne Alayli | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
Maike Lehner | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
Dr. Volker Reissner | LVR-Klinikum Düsseldorf | Germany
Maike Kohl | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
Kathrin Klimke-Jung | Gesundheitsamt Herne | Germany
Nguyen Cu Thai | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
Dr. Lisa Küppers | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
Dr. Pantelis Petrakakis | Gesundheitsamt Rhein-Erft-Kreis | Germany
Prof. Dr. Stefanie Ritz | Universitätsklinikum Düsseldorf | Germany
Hintergrund: Gesundheitliche Ungleichheit entsteht oft im Kindesalter und manifestiert sich über den Lebensverlauf. Kinder mit Vulnerabilitätsfaktoren wie Armut, Flüchtlingserfahrung oder Behinderungen sind häufiger betroffen. Daher sind integrierte Präventionsstrategien gefragt, die Angebote aus dem Gesundheits-, Bildungs-/ Sozialbereich verknüpfen. Nicht alle Kinder werden derzeit erreicht, u.a. weil Konzepte für bestimmte Zielgruppen in der Fläche fehlen.
Methode: Zwei Forschungsprojekte verdeutlichen exemplarisch Vulnerabilitätsfaktoren, Präventionsbedarfe u. -lücken:
Projekt 1: Kinder mit Schulausschlusserfahrung: Analyse von Gesundheitsamtsakten
Für Kinder, die wegen selbst-/fremdgefährdendem Verhalten von der Schule ausgeschlossen wurden, präsentieren wir sozio-demographische, gesundheits- u. entwicklungsbezogene Merkmale u. veranschaulichen sektorenübergreifende Unterstützungsbedarfe sowie bereits vorhandene Kooperationen in der Versorgung.
Projekt 2: Kinder mit dentaler Vernachlässigung (DV): Systematische Früherkennung
Präsentation der Entwicklung u. Erprobung eines neuen Tools zur Identifikation von Hinweisen auf DV. Das Tool nutzt Befunde zu oraler Gesundheit aus Schulsetting u. Daten zur Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen. Es braucht Zusammenarbeit zwischen ÖGD u. Praxen.
Ergebnisse: Aufbauend auf den Ergebnissen werden Schlussfolgerungen zur Weiterentwicklung integrierter Präventions- u. Versorgungsstrategien abgeleitet u. Herausforderungen bei der sektorenübergreifenden Integration thematisiert.
Abschließende Publikumsdiskussion: Was braucht es auf politischer Ebene, damit Kinder mit Schulausschlusserfahrung u. DV nicht durchs Netz fallen?
DV ist eine Form der Kindeswohlgefährdung, zu der verlässliche Daten sowie Instrumente zur strukturierten Früherkennung fehlen. Das in einer Delphi Studie inhaltlich validierte Kid-dental Instrument ermöglicht die Dokumentation von Hinweisen auf DV. Hierzu nutzt es Befunde zur oralen Gesundheit und zur Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen. Wir präsentieren Ergebnisse der Erprobung im Schulsetting und leiten Anwendungsmöglichkeiten für Präventionsstrategien in der Fläche ab.
Bisher fehlen für Deutschland wissenschaftliche Erkenntnisse zu Merkmalen und Unterstützungsbedarfen von Kindern und Jugendlichen mit Schulausschlusserfahrung. Routinemäßig erhobene Akten eines Gesundheitsamts zu Schulausschlüssen aufgrund von selbst- und fremdgefährdendem Verhalten wurden ausgewertet, um diese Forschungslücke zu schließen. Basierend auf Daten zu Soziodemographie, der (gesundheitlichen) Entwicklung und Versorgungssituation werden Präventions-/Handlungsempfehlungen abgeleitet.
16:45 Uhr
Freie Kinderärztliche Sprechstunde und Ehrenamtliche Bildungsbegleitung – Zwei Projekte des AWO Büro KINDER(ar)MUT im Kampf um Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe von Kindern und Jugendlichen
Jörn Mensching | AWO Büro KINDER(ar)MUT | Germany
Clara Rothenburger | AWO Büro KINDER(ar)MUT | Germany
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Autor:innen:
Jörn Mensching | AWO Büro KINDER(ar)MUT | Germany
Franziska Löffler | AWO Büro KINDER(ar)MUT | Germany
Clara Rothenburger | AWO Büro KINDER(ar)MUT | Germany
- Das AWO Büro KINDER(ar)MUT in Potsdam ist seit seiner Gründung 2018 in einem breit
angelegten Netzwerk gemeinschaftlich darauf ausgerichtet, „Armutskarrieren“ von Kindern
und Jugendlichen mit sozialraum- und bedarfsorientierten Versorgungs-, Beratungs- und
Begleitungsangeboten auszubremsen.
- Prämisse: Alle Kinder müssen gut aufwachsen können – unabhängig von ihrer Herkunft,
ihrem sozialen Status oder dem Einkommen ihrer Familie.
- Ein Ausstieg aus der Armutsspirale ist aber nur möglich, wenn alle Kinder die gleichen
Startbedingungen und damit die gleichen Bildungschancen bekommen.
- Die Unterstützungsangebote für Kinder, Jugendliche und ihre Familien sind im Büro
KINDER(ar)MUT ganzheitlich auf eine armutspräventive Wirkung im Bereich Bildung und
Teilhabe ausgerichtet: kostenfreie Stadtteilfrühstücke, Ausgabe von Schulmaterial, Laptops
und Schulmappen, Vermittlung von kostenlosen Schwimmkursen, Beratung von Familien zu
familienbezogenen Leistungen und Bildungsfragen, kostenlose Familienreisen und
Kulturveranstaltungen und vieles mehr.
- Der integrale Einsatz und das Engagement von Ehrenamtlichen in den Projekten dienen dabei
dem Ziel, Armutssensibilität und Gemeinschaftssinn von Bürgern im Kiez und
kiezübergreifend zu stärken und auszubauen.
- Alle Angebote des Büros bilden sich aus dem Zusammenspiel von fachlichem Austausch in
Gremien und Bildungsinstitutionen, partizipativen Austauschformaten und einer
sozialraumorientierten Netzwerkpflege.
- Präventionsketten werden fortlaufend durch Kooperation und Austausch zwischen
Betroffenen, Fachkräften und Ehrenamtlichen, sowie durch eine gemeinsame kommunale
Strategiebildung zur Vernetzung und Bündelung von Angeboten für Kinder, Jugendliche und
deren Familien sichergestellt
- Weitere Infos: buero-kindermut.de/de/
- Einrichtung einer regelmäßigen, kostenfreien kinderärztlichen Sprechstunde in der AWO Kita
Kinderland (Stadtteil Potsdam-Schlaatz).
- Niedrigschwelliges Angebot in einem Stadtteil, in dem eine hohe Zahl an armen Familien mit
Kindern leben, es aber keinen praktizierenden Kinderarzt gibt.
- Bei Fragen oder Sorgen zur Gesundheit und Entwicklung von Kindern beraten und begleiten
zwei ehrenamtlich tätige Kinderärzte die Familien.
- Neben der Behandlung der Kinder können sich Eltern hierhin wenden, wenn sie Fragen zur
kindlichen Entwicklung haben.
- Wird durch die Ärzte ein Förderbedarf erkannt, können sie an andere Fachärzte
weitervermitteln.
- Somit können durch die kinderärztliche Sprechstunde gesundheitliche Auswirkungen von
Armut gelindert bzw. gar beseitigt werden.
- Gleichzeitig wird die Kita als ein Ort der gesundheitlichen Prävention verstanden.
- Weitere Infos: buero-kindermut.de/de/angebot/freie-kinderaerztliche-sprechstunde/
- Bildungsbegleiter*innen unterstützen Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung
schulischer Anforderungen
- Unterstützung gilt hierbei sowohl im Rahmen der fächerübergreifenden Lernförderung als
auch im psycho-sozialen Bereich
- Hilfestellung beim Erlernen des Unterrichtsstoffes bzw. Wiederholen und Vertiefen
- Stärkung des Selbstwertgefühls und sozialer Kompetenzen
- Bedürfnisse erkennen und ggf. Zusatzangebote vermitteln (Therapien, Sport, Musik …)
- Vertrauensperson und Ansprechpartner*in sein für die Kinder und Jugendlichen
- Das Projekt wird seit 2022 durch einen jährlichen Zuschuss des Massnahmenplans
Chancengerechtigkeit der LH Potsdam unterstützt
- Weitere Infos: buero-kindermut.de/de/projekt/bildungsbegleitung/